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Homepage > Aktivitäten > Wissenschaft > Herangehensweise > Wissenschaftlich denken, kritisch denken > Einleitung > Brauchen Kinder kritisches Denken?

Brauchen Kinder kritisches Denken?

Gut beobachten, Annahmen überprüfen, Informationen bewerten, sich auf Informationen stützen, um zu argumentieren, seine Fähigkeiten fördern, zu­sammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu helfen, seine Fantasie entwickeln, um etwas zu erfinden ... all diese Kompetenzen sind Grundsteine der Wissen­schaftspra­xis. Sind diese Kompetenzen erst einmal erworben, können sie im Alltag genutzt werden, um sich eine solide und ehrliche Sicht der Welt zu eigen zu machen. Aber warum sollte man solche Themen in der Schule behan­deln? Brauchen Kinder kritisches Denken? Und was können die Naturwissen­schaften in dieser Hinsicht beitragen?

Wir versuchen diese Fragen mit einer kleinen fiktiven Geschichte zu beantwor­ten. In der Geschichte geht es um Nora. Nora steht für alle Kinder aus den 50 Klassen, in denen dieses Unterrichtsmodul getestet wurde. All die Sätze und Satzfetzen aus Kindermund haben uns zu Nora inspiriert.

"Ich heiße Nora. Ich bin in der 4. Klasse. Ich mag Katzen, Musik hören, Turnen und mit meinem Nintendo spielen.

Ich bin groß, ich bin 9 Jahre alt. Es gibt viele Dinge, bei denen ich mir sicher bin. Ich weiß zum Beispiel, dass der Stift herunterfällt, wenn ich ihn vom Tisch stoße. Ich habe noch nie gesehen, dass der Stift etwas Anderes macht, als herunterzufallen. Also habe ich gute Gründe zu denken, dass das immer so ist. Mein kleiner Bruder hat mich früher damit genervt, als er noch ein Baby war: Er hörte nicht auf damit, meine Stifte vom Tisch zu stupsen, um sie herunterfallen zu sehen. Immer und immer wieder. Ich glaube, dass er sehen wollte, ob sie tatsächlich immer herunterfallen. Zum Glück hat er es irgendwann kapiert, denn ich hatte die Nase voll, meine Stifte immer wieder auf­heben zu müssen. Ich hatte zum Schluss schon einen Korb vor den Tisch gestellt, dort wo die Stifte immer herunterfielen. Und ich konnte den Korb mit einer Schnur hochziehen.

Jetzt ist mein Bruder drei. Er weiß schon viele Dinge, aber manchmal irrt er sich. In meiner Familie klettern wir. Papa klettert, Mama klettert, ich klettere, und er fängt auch an zu klettern. Neulich hat er die Frau im Supermarkt gefragt, wo denn die Kletterwand sei – nur weil sie einen Karabinerhaken am Schlüsselbund hatte. Was habe ich gelacht! Er denkt jetzt, dass alle Leute klettern.

Ich weiß, es ist nicht nett, sich lustig zu machen. Manchmal passiert es auch mir, dass ich alles für bare Münze nehme. Neulich hat mein Vater zum Beispiel weiße Erdbeeren gekauft. Sie waren ganz weiß! Aber es waren Erdbeeren. Ich habe genau beobachtet: Bis auf die Farbe sahen sie genauso aus wie Erdbeeren ... mit den kleinen Körnchen und allem Drum und Dran.

Ich dachte wirklich, dass alle Erdbeeren rot seien. Vielleicht gibt es ja auch lila Erdbeeren, wer weiß? Vielleicht findet man im Internet etwas darüber, oder in Büchern. Im Internet habe ich ein bisschen herumge­sucht und bin dann auf blaue Erdbeeren gestoßen. Ich glaube, dass ich nicht genau weiß, wo im Internet die guten Seiten sind. Mein Bruder hat das mit den blauen Erdbeeren geglaubt. Aber nun ja, er glaubt auch, dass es Drachen gegeben hat – genau wie Dinosaurier.

Meine Freundin Zoé sagt: Wenn man etwas noch nie gesehen hat, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Das ist wie mit den weißen Erdbeeren. Und vielleicht fällt eines Tages der Stift nicht auf den Boden, wie durch Zauberhand. Ich bin der Meinung, dass das zwei verschiede­ne Dinge sind, aber ich weiß nicht so recht, wie ich ihr das erklären soll.

Es ist bei Zoé besonders kompliziert: Sie liebt Violina, die Sängerin, die an Zauberei glaubt und sogar ein Glücksbringer-Armband trägt. Sie trug dieses Armband jedes Mal, wenn sie vorsingen musste, und dann wurde sie genommen. Dieses Armband kann jeder kaufen. Zoé hat auch eins. Ich denke, dass Violina nur deshalb genommen wurde, weil sie einfach gut singen kann. Sie trug das Armband beim Vorsingen, ja, aber das hat nichts damit zu tun, dass sie angenommen wurde. Ich weiß nicht, wie ich Zoé das sagen soll. Außerdem glaubt ihre Mutter auch daran.

Manchmal denkt man, dass man verstanden hat, weshalb etwas pas­siert, aber man ist zu voreilig. Mir passiert das auch. Neulich habe ich unseren Hund gesehen, der laut bellend wie ein Verrückter durch die Gegend raste. Ich dachte, es sei ein Dieb im Haus. Ich hatte Angst. Aber in Wirklichkeit bellte er wegen einer Maus. Manchmal ist es ein­fach, die Ursache zu finden – wie in diesem Fall. Aber das ist nicht immer so. Zum Beispiel das mit dem Stift. Warum fällt er eigentlich immer herunter? Ich weiß es nicht. Aber ich würde es gern heraus­finden."

Wissenschaft: Werkzeuge, um die Grenzen unserer natürlichen Vernunft zu überschreiten

"Ich weiß es nicht, aber ich würde es gern wissen." Das war auch die Antwort von Georges Charpak, Nobelpreisträger und einer der Gründer von La main à la pâte, als er die Einstellung von Wissenschaftlern definieren sollte. Mit diesen Worten wollte er ausdrücken, dass ein Wissenschaftler nicht der Besitzer von Wissen ist, sondern im Gegenteil jemand ist, der nicht weiß. Der aber Lust hat zu suchen. Wir haben ein natürliches Bedürfnis, unsere Welt zu erkunden. Die­ses Bedürfnis ist sogar lebenswichtig. Um in unserer Welt zu gedeihen, um auf Ereignisse zu reagieren, um gleichberechtigt in unserer Gesellschaft zu leben, müssen wir verstehen. Wie Nora beobachten wir, was um uns herum ist und geschieht, und wir stellen uns Fragen. Wir versuchen näher hinzuschauen, zu erklären, was passiert. Wenn wir etwas nicht selber ausprobieren können, oder nicht sorgfältig genug, dann erkundigen wir uns bei jemandem, der besser in­formiert ist. Wenn wir von etwas überzeugt sind, dann diskutieren und argu­mentieren wir gern. Und manchmal lösen wir ein Problem oder erfinden etwas.

Wir neigen auf natürliche Weise dazu, unsere reale Welt zu hinterfragen und möglichst vernünftig zu handeln – kritisch zu denken. Das heißt nicht, dass wir alles kritisieren. Damit würden wir dem Relativismus das Feld überlassen und alles infrage stellen. Nein. Kritisch zu denken heißt, dass wir Informationen auf angemessene Weise abwägen, mit dem Ziel verantwortlich zu handeln. Im Grunde einfach logisch zu denken.

Nora beschreibt es, und wir kennen es von uns selbst: Die natürliche Fähigkeit zum kritischen Denken stößt manchmal an ihre Grenzen. Um weiterzukommen, brauchen wir Werkzeuge, vor allen Dingen, wenn es um entscheidende Fragen geht: um die Umwelt zum Beispiel, oder die Gesundheit.

Die Wissenschaft ist eine erfahrene Expertin dieser natürlichen Handlungen: beobachten, erklären, bewerten, argumentieren, erfinden. Im Laufe der Jahr­hunderte hat die Wissenschaft zahlreiche Methoden und Werkzeuge entwi­ckelt. Diese können uns im Alltag inspirieren – in unseren Gedankengängen, beim Argumentieren –, sodass wir unsere Grenzen erfahren oder sie sogar überschreiten. Das geht auch schon bei den Jüngsten, vorausgesetzt man macht einen Schritt zur Seite und öffnet den Naturwissenschaften das Tor zur Schule.

Sich in der Schule mit wissenschaftlichem und kritischem Denken befassen

Aus dieser Feststellung heraus entstand das Unterrichtsmodul "Wissenschaft­lich denken, kritisch denken", das Lehrer und Schüler einlädt, wissenschaftli­che Methoden und Werkzeuge zu entdecken, um dann systematisch diesen "Schritt zur Seite" zu machen, über die neu erworbenen Kenntnisse nachzu­denken und sie auf den Alltag zu übertragen.

Noras Geschichte und die fünf Themenblöcke dieses Unterrichtsmoduls

Abb. 1: Noras Geschichte und die fünf Themenblöcke dieses Unterrichtsmoduls (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Im Laufe der Aktivitäten dieses Unterrichtsmoduls lernen Nora und ihre Mit­schüler sorgfältig zu beobachten, zum Beschreiben den passenden Wortschatz einzusetzen, eine Größe nicht Pi mal Daumen anzugeben, sondern ein Messins­trument zu verwenden, etwa ein Lineal oder eine Waage. Sie entdecken, wie man Wissen aufbaut, und wie man Wissen von Daten und Einzelereignissen unterscheidet.

Sie beschäftigen sich mit den Begriffen "Ursache" und "Wirkung", indem sie sich solch einfacher, und gleichzeitig solch subtiler Wörter wie "weil" und "daher" bedienen. Und sie untersuchen, wie man feststellt, ob es zwischen zwei Ereig­nissen einen kausalen Zusammenhang gibt (oder nicht).

Wenn es möglich ist, testen sie selbst ihre Hypothesen zu den betrachteten Phänomenen. Wenn nicht, erstellen sie Checklisten, um zu bewerten, wie zuverlässig die Ergebnisse ihrer Recherchen im Internet oder in Sachbüchern sind. Sie analysieren die Informationen und die Informationsquellen.

Haben sie erst einmal verstanden, wie man Kenntnisse erwirbt, lernen sie im nächsten Schritt, wie man gute Argumente erkennt. Sie unterscheiden Argu­mente, die auf (wissenschaftlich geprüften) Fakten beruhen von Argumenten, die sich auf Gefühle stützen, oder Autoritätsargumente sind. Sie lernen, gute Argumente einzusetzen, um eine stichhaltige Argumentation zu konstruieren. Und sie lernen die wichtigsten Merkmale kennen, anhand derer man eine Falschinformation (Fake News) erkennt.

Ganz wichtig ist auch das kollaborative Arbeiten: Zusammen lassen sich Pro­bleme viel besser lösen. Die Schüler denken sich gemeinsam Lösungen aus oder erfinden sogar neue Lösungen, wenn sie vor die Aufgabe gestellt werden, einen technischen Gegenstand zu bauen.

Letzte Aktualisierung: 10.4.2018

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