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Homepage > Aktivitäten > Biologie > Klassifizierung von Lebewesen > Die Phylogenese in der Grundschule
| Autor: | |
| Publikation: | 1.9.2005 |
| Herkunft: | La main à la pâte, Paris |
Die Analyse ausgewählter Lebewesen aus derselben Umgebung (Arktis, Savanne, Wald...) beruht auf der Beobachtung exklusiver Merkmale, die eine Gruppierung der Arten ermöglicht.
| DIE LEBEWESEN WERDEN KLASSIFIZIERT | DIE LEBEWESEN WERDEN NICHT KLASSIFIZIERT: |
|---|---|
| - nach dem, was sie haben (Fell, Wirbel, zwei Schalen [Muscheln] ...) |
- nach dem, was sie nicht haben;
- nach dem, was sie machen (schwimmen, fliegen, Pflanzen fressen...); - nach dem Lebensraum, in dem sie leben. |
Diese Unterscheidungen sind wichtig. Sie wurden in der Vergangenheit nicht beachtet, was die Arbeit der Systematiker/innen in so manche Sackgasse führte.
Wenn wir uns auf das stützen, "was sie haben", haben wir Beweise,
Argumente, d.h. wir gehen wieder zur Basis jeder wissenschaftlichen
Vorgehensweise. Wenn wir uns jedoch auf das berufen, "was sie nicht haben",
müssen wir ohne Beweis einen Gedankengang rechtfertigen.
Man wird sich also nicht auf die Gruppe der wirbellosen Tiere beziehen, die
traditionell durch das Fehlen von Wirbeln definiert ist, eine Pseudogruppe,
die so unterschiedliche Lebewesen wie den Regenwurm, den Kraken und die
Libelle umfasst.
Ähnlich problematisch ist es, sich nach dem, "was sie machen" oder nach
ihrem Lebensraum zu richten. In beiden Fällen sind die Argumente
ökologischer Art, die für eine Klassifikation nicht geeignet sind.
Man vergisst dabei zum Beispiel, dass Lebewesen auch wandern können
(Migration) oder mit ähnlichen Organen unterschiedliche Funktionen
ausführen können. Würden Sie eine Ameise und einen Spatz in
dieselbe Gruppe einordnen, nur weil Sie beide auf einer Birke gesehen haben,
eine Libelle und eine Fledermaus mit dem Argument, dass sie beide fliegen? Um
bei dem letztgenannten Beispiel zu bleiben: Diese beiden Lebewesen fliegen in
der Tat, aber mit Organen unterschiedlicher Struktur. Sie haben also NICHT
dasselbe und können nicht zusammen klassifiziert werden.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel:
In meiner Wohnung lebe ich mit 4 Tieren zusammen: einer
Florida-Schildkröte, einem Hund, einem Kaninchen und einem Goldfisch.
Wir klassifizieren sie:
Am Ende würde ich mich in Inkohärenzen und Widersprüche verwickeln: Es kann keine feste Gruppe definiert werden. Im Gegenteil, man erhält Gruppen, zu denen so unterschiedliche Tiere wie der Goldfisch und das Kaninchen gehören. Ein/e unaufmerksame/r Beobachter/in könnte eventuell die Schildkröte und den Fisch zusammen klassifizieren. Es muss jedoch bedacht werden, dass sie auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Organen schwimmen. Der Goldfisch kann wie die Schildkröte getrocknete Wasserflöhe fressen, die Schildkröte kann aber auch außerhalb des Wassers leben..., ganz zu schweigen davon, dass alle Hunde schwimmen können, und dass eine Tiergruppe, zu der alle Lebewesen ohne Panzer gehören würden, ein ziemliches Sammelsurium wäre, mit Tieren wie dem Blauwal, der Grille und der Fledermaus.
Wenn ich mich hingegen darauf stütze, "was sie haben":
Hund und Kaninchen haben ein Fell (Merkmal C1), Außenohren oder
Ohrmuscheln (Merkmal C2).
Hund, Kaninchen und Florida-Schildkröte haben 4 Pfoten
(Merkmal C3), einen Kopf auf einem beweglichen Hals (Merkmal C4).
Stellen wir das in einer Tabelle dar:
| Goldfisch | Florida-Schildkröte | Kaninchen | Hund | ||
|---|---|---|---|---|---|
| C1 | Fell | X | X | ||
| C2 | Außenohren | X | X | ||
| C3 | 4 Pfoten | X | X | X | |
| C4 | Kopf auf beweglichem Hals | X | X | X |
Nur das Kaninchen und der Hund besitzen die Merkmale C1 und C2. Dies
erlaubt es, sie in einer Gruppe zusammenzufassen.
Die Merkmale C3 und C4 sind exklusive Merkmale der Schildkröte, des
Kaninchens und des Hundes. Dadurch können sie in eine Gruppe eingeordnet
werden, die die vorherige einschließt.
Ohne innere Merkmale zu betrachten (Vorhandensein von Knochen oder Wirbeln,
Form und Struktur des Kiefers...), erhalte ich 2 verschachtelte Gruppen:
Die Säugetiere: Kaninchen und Hund haben ein Fell und Außenohren.
Die vierbeinigen Wirbeltiere: Kaninchen, Hund und Florida-Schildkröte haben 4 Pfoten und einen Kopf auf einem beweglichen Hals.
Die verwandtschaftlichen Verhältnisse können auch mit Hilfe eines Stammbaums dargestellt werden:
Diese zweite Darstellung hat den Vorteil, dass sie dazu beiträgt, nach und nach den Begriff der Evolution (Lehrstoff der Klassen 4 bis 6) einzuführen. In dieser Darstellung stellen die Schnittpunkte zwischen den Zweigen die gemeinsamen Vorfahren dar sowie die Merkmale, die von diesen Vorfahren übertragen wurden. Der gemeinsame Vorfahre des Kaninchens und des Hundes (A1) hat Fell (C1) und Außenohren (C2) weitergegeben. Dieser Vorfahre scheint uns – in der Evolutionsgeschichte – näher zu sein, als der, den Kaninchen und Hund mit der Florida-Schildkröte gemeinsam haben (A2/C3 und C4). Am entferntesten ist uns der mit dem Goldfisch (A3) gemeinsame Vorfahre, der seinen Nachkommen ein inneres Skelett aus Knochen weitergegeben hat, ein exklusives Merkmal der Knochenfische (Osteichthyes).
Diesen wissenschaftlichen Terminus muss sich die/der Lehrende natürlich nicht merken, genauso wenig muss er den Schüler/inne/n gegenüber erwähnt werden. Das angestrebte Lernziel für die Klassen 4 bis 6 ist das Verständnis der Klassifizierungsmethode und der Grundprinzipien des Evolutionsbegriffes: Weitergabe und Vermischung der Merkmale durch geschlechtliche Fortpflanzung, Veränderung der Arten, Verwandtschaft... Die Verwendung von Wörtern, deren Etymologie oft schwer verständlich ist, ist nicht sinnvoll, im Gegenteil. In der Grundschule wird sich der Wortschatz im Zusammenhang mit der Klassifizierung demnach auf die bekanntesten Gruppen beschränken: Säugetiere, Vögel, Fleischfresser, Huftiere, Wiederkäuer ..., und auf die exklusiven Merkmale, die sie definieren: Fell, Federn, Fangzähne, Hufe, Hörner... Man wird mit Hilfe der durchgeführten Übungen zu einer vereinfachten Klassifizierung der Lebewesen gelangen (die auf diesem Niveau notgedrungen unvollständig ist).
Die modernen Klassifizierungen beruhen auf dem Begriff der Evolution, denn es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Lebewesen mit ihren Merkmalen die Spuren dieser Evolution tragen. Es kann natürlich nicht darum gehen, mit Schüler/inne/n der 1. bis 3. Klasse ausführlich über Evolution zu sprechen, sondern lediglich darum, den Gedanken keimen zu lassen, dass die Lebewesen untereinander verwandt sind. Dieser Gedanke wird in der 4. bis 6. Klasse und im Verlauf ihrer Schulzeit weiter entwickelt werden.