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Homepage > Aktivitäten > Materie und Stoffe > Luft > Ist Luft Materie?

Ist Luft Materie?

Autor/inn/en: MJENR/DESCO und französische Académie des sciences/La main à la pâte
Publikation: 1.10.2002
Lernstufen: 23
Ziele: Materie – sich der Existenz von Luft bewusst werden
Angestrebte Kenntnisse: In der Lage sein, zu beweisen, dass die weithin als "leer" bezeichneten Räume voller Luft sind.
Dauer: 4 Unterrichtsstunden
Material: Die für diese vier Unterrichtsstunden benötigten Materialien sind einfach zu besorgen: Plastiktüten, Wasserschüssel, Plastikflaschen...
Herkunft: La main à la pâte, Paris

In dieser Unterrichtseinheit untersuchen Kinder der 2. und 3. Klasse das Thema Materie. Das Arbeitsblatt 3: "Luft", wird verwendet, ebenso die Videobildsequenzen einer CD-ROM (auf Französisch), die als Begleitmaterial für diese Unterrichtseinheit erstellt wurde. Die wichtigsten Momente jeder Unterrichtsstunde werden, entsprechend den "Anhaltspunkten für den praktischen Umgang mit einer Unterrichtseinheit" aus der Einleitung, durch einen kurzen Videobeitrag veranschaulicht.
Die Unterrichtseinheit wurde im Rahmen eines "Projektes" für Kinder der 2. und 3. Klasse erstellt. Ein Projekt umfasst die Forschungsaktivitäten der Kinder zu einem bestimmten Thema, sowie alle möglichen Antworten auf eine gemeinsam ausgearbeitete Ausgangsfrage.
Dabei wird unterschieden zwischen:

Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde schlägt der/die Lehrer/in eine Ausgangssituation vor, indem er/sie den Schüler/inne/n Fragen und Aufgaben stellt, die die Schüler/inne/n dazu animieren sollen, selbst Fragen zu stellen, auf die sie ohne diese Ausgangssituation nicht gekommen wären. Die Fragen werden mit Hilfe der/des Lehrenden neu formuliert und werfen ihrerseits wiederum Fragen auf, deren Lösung das Ziel der gerade anstehenden Stunde darstellt.
Im Laufe dieser Aktivitäten werden die Schüler/innen nach und nach die angestrebten Begriffe verstehen (hier geht es um die "Luft", die genauso ein Stoff ist wie ein Festkörper oder eine Flüssigkeit). Die sprachlichen Fertigkeiten im Zusammenhang mit den experimentellen - sowohl mündliche als auch schriftliche, stehen hier im Vordergrund. Die Entwicklung der Sprache führt wiederum zu rekursiven Überlegungen und Denkprozessen, und somit zum Verstehen der Begriffe.
Außer dem Begriff der Stofflichkeit von Luft, sollen hier veranschaulicht werden:

Stellung in den [französischen] Lehrplänen


Lernstufe 1: Der/die Schüler/in erkundet seine Umwelt mit seinen Sinnen. Die vorgeschlagenen Aktivitäten ermöglichen es ihm/ihr, seine/ihre Wahrnehmung zu entwickeln, insbesondere seinen/ihren Tastsinn. In diesem Sinne gibt der Wind (also Luft in Bewegung) einen ersten Eindruck von der Stofflichkeit der Luft. Die durchdachte Herstellung von Gegenständen, die sich den Wind zu nutze machen (z. B. eine Windmühle[1]), kann den Nachweis der Existenz von Luft unterstützen.
- Lernstufe 2: Die Entdeckung der Welt der Materie geht weiter. Festkörper und Flüssigkeiten sind bekannt, mit ihnen wurde experimentiert und es wurden bestimmte Eigenschaften aufgedeckt. Die Schüler/innen werden jetzt nach und nach ein Stoff erkunden, der unsichtbar ist, aufzubewahren und zu bewegen ist und der selbst, wenn er sich nicht bewegt, etwas bewirken kann. Diesen Stoff werden sie ebenfalls während der Untersuchung der fünf Sinne oder der Lebenszeichen bei Tieren wieder entdecken (Voraussetzung für die Aufzucht von Tieren, Untersuchung der Fortbewegungsarten, wie z.B. der Flug der Vögel).
Auszüge aus dem [französischen] Lehrplan Auszüge aus dem Text zur Umsetzung
Angestrebte Fähigkeiten Anmerkungen
Der Stoff
- Sich der Existenz von Luft bewusst werden, erste Begegnung mit dem Zustand eines Stoffes, der sich von festen und flüssigen Stoffen unterscheidet (Die Untersuchung der Stofflichkeit von Luft und die Veranschaulichung des gasförmigen Zustandes werden in der Lernstufe 3 durchgenommen).
In der Lage sein, zu beweisen, dass die weithin als "leer" bezeichneten Räume voller Luft sind. Fähig sein, sich einige einfache Situationen auszudenken und zu interpretieren, die folgende Regeln deutlich machen:
- Luft kann sich bewegen,
- Luft verschwindet nicht und taucht nicht einfach irgendwo wieder auf: Wenn es so aussieht, als ob Luft irgendwo verschwindet, dann hat sie sich nur von einem Ort zum anderen bewegt,
- wissen, dass der Wind Luft in Bewegung ist.
Zu Beginn der Lernstufe 2 sind die Schüler/innen in der Lage, Überlegungen zur Erhaltung von festen und flüssigen Stoffen anzustellen. Das Ziel besteht jetzt darin, sie zu ähnlichen Gedankengängen im Zusammenhang mit der Luft zu führen. Dabei stützen wir uns in erster Linie auf Situationen, in denen Luft wahrnehmbar ist. Das Ziel ist es, die Luft auch dann wahrzunehmen, wenn sie sich nicht bewegt.
- Lernstufe 3: Die Untersuchung von Materie geht weiter, es geht diesmal um die "gewichtige" Eigenschaft von Luft. Die Tatsache, dass Luft ein Gewicht hat (eine Masse hat) wird in dieser Lernstufe bewiesen. Dafür werden die Schüler/innen mit einem anderen gegebenenfalls unsichtbaren Stoff bekannt gemacht: dem Wasserdampf. Der Begriff "gasförmiger Zustand" wird so nach und nach entwickelt. Überlegungen bezüglich der Anpassung von Lebewesen an ihre Umwelt, ermöglichen es, die Luft (Atmung, Blutkreislauf) als einen lebenswichtigen Stoff zu betrachten.
- Sekundarstufe: Dass Luft ein Gas ist, wird anhand einer ihrer Eigenschaften veranschaulicht: der Komprimierbarkeit. Durch die Untersuchung der Luft unter chemischen Gesichtspunkten (Verbrennung, Teilchenmodell) werden die Kenntnisse über Materie vertieft. Das Kennenlernen anderer Gase (molekularer Sauerstoff [O2], molekularer Stickstoff [N2]), sowohl in Chemie als auch in Biologie, ermöglicht ein besseres Verständnis des Begriffs "gasförmiger Zustand". Letztendlich führen Untersuchungen über die Bedingungen der Tierzucht und über chlorophyllhaltige Pflanzen dazu, Luft als Lebensraum anzusehen.
 
Am Ende der Unterrichtseinheit erworbenes Wissen und Können
 
- Die verschiedenen Aggregatzustände anhand ihrer Eigenschaften unterscheiden können.
- Sich die Existenz eines dritten, des gasförmigen Aggregatzustandes allmählich vorstellen können. Luft gehört zu den Stoffen im gasförmigen Zustand.
- Sich ein Versuchsprotokoll ausdenken und anschließend zur Lösung einer Fragestellung verwenden können.
- Die ersten Schritte der experimentellen Herangehensweise verstehen ud nachvollziehen können.

Möglicher Ablauf der Unterrichtseinheit


Unterrichtsstunden Ausgangsfrage Schülerarbeiten Angestrebte Kenntnisse und Fähigkeiten Sprachliche Arbeit
Stunde 1 Was befindet sich in den Tüten, die in den Kartons versteckt sind? Mit geschlossenen Augen die Tüten, die verschiedene Gegenstände enthalten, abtasten, befühlen, die Wahrnehmungen spüren, sie charakterisieren, sie benennen, sie anschließend den Freund/inn/en mitteilen und sie denen gegenüberstellen, die die anderen verspürt haben. Eine sensorische Annäherung an die Aggregatzustände.
Diese Zustände anhand einiger ihrer Eigenschaften unterscheiden: starr, fest, weich, schwer, leicht, Wärmeleitfähigkeit (Gefühl der Kälte bzw. der Wärme), usw.
Sprachliche Beschreibung dessen, was gefühlt wurde (benennen, beschreiben).
Gemeinsam etwas Schriftliches entwerfen.
Stunde 2 Was wissen wir über Luft? Der/die Lehrer/in organisiert eine gemeinsame Diskussionsrunde zu den verschiedenen Vorstellungen der Schüler/innen zum Thema Luft: Wo gibt es Luft? Wozu ist sie gut? usw. Darstellungen der Schüler/innen zum Thema Luft.
Sich bewusst werden, dass nicht jede/r in der Klasse die gleichen Ansichten über das Vorhandensein von Luft hat, über die Orte, wo Luft vorkommt, ihre Rolle, usw.
Diskussion mit den Klassenkamerad/inn/en.
Formulierung der im Alltag erworbenen spontanen Begriffe.
Verfassen eines gemeinsamen Schriftstückes, das diese spontanen Begriffe außer Acht lässt.
Lässt sich Luft einfangen? Sich eine Möglichkeit überlegen, wie man eine Tüte mit Luft füllen kann: Die Tüte in der Klasse öffnen, reinpusten, mit der Tüte im Flur herumrennen, usw. Ein einfaches Experiment durchführen können: Die Tüte öffnen, sie mit Luft füllen und zubinden.
Luft existiert und ist stofflich, da man sie einfangen und damit ein Behältnis füllen kann.
Verfassen eines Versuchsprotokolls
Stunde 3 Wie lässt sich beweisen, dass etwas in der Tüte ist? Sich ein Experiment ausdenken, mit dem die Ausgangsfrage beantwortet werden kann.
Analog zu Situationen des täglichen Lebens, schlagen die Schüler/innen vor, die Tüte zu "leeren", nachdem sie ein Loch hineingestochen haben.
Sie glauben nun, dass sie fühlen, wie die Luft entweicht. Das Misslingen dieses Versuchs nutzt der/die Lehrer/in aus, um eine Diskussion ins Rollen zu bringen, in der die Schüler/innen sich neue Experimente ausdenken... und dabei den Misserfolg verarbeiten.
Durchführung eines Experimentes nach einem vorher festgelegten Protokoll. Wissen, wie daraus Informationen gezogen werden können.
Erkennen können, dass ein Experiment "nicht funktioniert hat": Luft ist keine fühlbare Substanz wie etwa feste oder flüssige Stoffe.
Erste Unterscheidung zwischen gasförmigem und flüssigem Zustand.
Sein Protokoll in Frage stellen, um daraus ein neues zu entwickeln.
In kleinen Gruppen schriftlich ein Protokoll anfertigen.
Es der gesamten Klasse vorstellen und es untermauern.
Stunde 4 Wie lässt sich die Luft aus der Tüte auffangen? Sich ein neues Experiment ausdenken, es umsetzen und es ggf. überarbeiten, um die Luft aus der Tüte in eine mit Wasser gefüllte Flasche umzufüllen. Umsetzung einer experimentellen Vorgehensweise.
Luft lässt sich umfüllen: Sie ist stofflich.
Ausarbeitung eines Versuchsprotokolls.
Ausarbeitung eines Erfahrungsberichtes.

Unterrichtsstunde 1. Was befindet sich in den Tüten, die in den Kartons versteckt sind?

Durch Abtasten werden die Schüler/innen versuchen, nach ihren persönlichen Erfahrungen, die verschiedenen Stoffe zu unterscheiden.

Phase 1

Die/der Lehrende hat hinten im Klassenraum vier Plastiktüten in Kartons versteckt; Sie enthalten folgende Dinge: 1.) Wasser, 2.) Sand, 3.) Luft, 4.) einen Stein. Sie/er schlägt den Schüler/inne/n vor, die Tüten blind abzutasten und anschließend zu erraten, was sie enthalten[2]. Die Schüler/innen gehen nacheinander nach hinten, befühlen die Tüten, beschreiben ihre Wahrnehmungen und schreiben diese in eine Tabelle, die wiederum ihr persönliches Protokoll darstellt[3].

Tabelle zu den Inhalten der vier Tüten

Abb. 1: Jede/r Schüler/in hält seine Tätigkeiten und Erkenntnisse schriftlich fest.

Phase 2

Nachdem alle Schüler/innen die Tüten befühlt haben, beginnt eine von der Lehrerin/vom Lehrer geleitete Diskussion[4], in der die Wahrnehmungen jeder/jedes Einzelnen zusammengefasst werden (Objektivierung der Wahrnehmungen) und in der der Inhalt der dritten Tüte (Luft) beschrieben wird. Dabei wird auf die bereits bekannten Aggregatzustände (fest, flüssig)[5] Bezug genommen.
Diese Phase wird bei den Schüler/inne/n die Frage nach dem Inhalt von Tüte 3 aufwerfen[6]. In der Diskussion zwischen den Schüler/innen geht es nun um die Fragen: "Ist sie leer?", "Ist da nichts?" (siehe Protokoll in Abb. 1) oder auch "Ist es wie bei den anderen, aber doch auch wieder nicht?", "Leichter?".
Die Erklärung erfolgt natürlich durch Öffnen der Tüten. Was die dritte Tüte angeht, so werden die Diskussionen noch angeregter, nachdem klar geworden ist, dass sie "nichts" enthält[7].
Im Anschluss an diese Diskussion wird unter Anleitung der/des Lehrenden[8] ein gemeinsames Schriftstück erarbeitet, in dem einige der Merkmale aufgeführt sind, die die beiden bereits bekannten Aggregatzustände von dem bisher unbekannten in Tüte 3 unterscheidet (es ist unmöglich, die Tüte komplett platt zu drücken, was zu der Schlussfolgerung führt, dass sie "etwas enthalten" muss). Die Schüler/innen werden nun aufgefordert, andere Beispiele von Stoffen zu nennen, die in diese drei Kategorien passen[9].
Diese Phase dient der Ausarbeitung und Strukturierung des bereits vorhandenen Wissens[10].

Unterrichtsstunde 2: Was wissen wir über Luft, lässt sie sich einfangen?

Die Schüler/innen sollen in dieser Unterrichtsstunde lernen, mit einem Stoff, genannt "Luft", umzugehen und beginnen, ihn als Stoff zu verstehen.

Phase 1

Die/der Lehrende bittet nun eine/n Schüler/in zu wiederholen, was in der letzten Stunde gemacht wurde und fordert die Schüler/innen auf, auf die gestellten Fragen zum Thema Luft zurückzukommen[11].
Das Ziel dieses Gedankenaustauschs ist es, nicht sofort alle Fragen der Schüler/innen zu beantworten (im Übrigen gehen einige dieser Fragen über das Grundschulniveau hinaus), sondern die Schüler/innen dazu zu bringen, sich der Fragen bewusst zu werden, die zu diesem Thema gestellt werden können: "Was kann man mit Luft alles machen?", "Kann man sie anfassen?", "Kommt sie überall vor?", "Gibt es Orte, an denen sie nicht vorkommt?"[12].
Die Diskussion kann sich um das Fehlen oder das Vorhandensein von Luft im Flur ("da ist welche, ganz sicher"), in der Klasse ("ganz sicher, sonst könnten wir ja nicht atmen") oder im Schrank (es ist keine Einstimmigkeit zu erzielen, vor allem wenn der Schrank halb offen steht, denn da "könnte die Luft ja entweichen")[13] drehen. Ein gemeinsam erarbeitetes Schriftstück, das die unterschiedlichen diskutierten Fragen umfasst, wird so nach und nach erstellt. Es wird von dem/der Lehrer/in ins Reine geschrieben und anschließend ins Versuchsheft eingefügt (siehe gemeinsam verfasstes Schriftstück in Unterrichtsstunde 4).
Am Ende dieser Phase schlägt die/der Lehrende den Schüler/inne/n vor, "Luft mit Plastiktüten einzufangen".

Phase 2

Die Schüler/innen "füllen" die Tüten im Flur, in der Klasse und auch im Schrank mit Luft. Sind die Tüten gefüllt, schreibt jede/r Schüler/in seinen/ihren Namen[14] und den Ort, an dem die Tüte mit Luft gefüllt wurde, auf ein Etikett, das auf die Tüte geklebt wird.

Unterrichtsstunde 3: Wie lässt sich beweisen, dass etwas in der Tüte ist?

Der Nachweis, dass Luft vorhanden ist, bedeutet gleichzeitig, dass es Luft gibt.

Zeichnung: Wir stechen ein Loch in die Tüte und riechen

Abb. 2: Ein Versuchsvorschlag, bei dem man nicht zu dem erhofften Ergebnis kommt.

Phase 1

Die/der Lehrende schlägt den in kleine Gruppen aufgeteilten Schüler/inne/n[15] vor, sich ein Experiment auszudenken, um zu beweisen, dass die Tüte nicht leer ist, sondern sehr wohl etwas enthält[16].
Bei den ersten von den Schüler/inne/n vorgeschlagenen Experimenten[17] geht es darum, die Tüte zu "leeren", um so die darin befindliche Luft nachzuweisen. Die Versuchsvorschläge werden auf Plakaten und/oder im Versuchsheft festgehalten und anschließend der gesamten Klasse präsentiert.

Zeichnung und Überlegungen: Wie kann man zeigen, dass Luft in der Tüte ist

Abb. 3: Ein weiteres Protokoll, das auf der falschen Vorstellung von der Stofflichkeit der Luft beruht.

Phase 2

Nach der Durchführung der Versuche, bei denen die Schüler/innen festgestellt haben, dass "es nicht funktioniert", leitet der/die Lehrer/in eine gemeinsame Diskussion ein, um die Gründe für die misslungenen Experimente verständlich zu machen[18]. Die Schüler/innen kommen somit erneut zu der Schlussfolgerung, dass "man Luft nicht sehen kann". Der/die Lehrer/in ersetzt daraufhin "sie sehen" durch den Ausdruck "sie nachweisen". Aufgrund der von jedem Einzelnen gemachten Erfahrungen, wird der Begriff nach und nach verinnerlicht: Man müsste Blasen machen können, in der Badewanne, im Schwimmbad...[19]
Aber das ist nicht so einfach. Auch wenn sich alle Gruppen bald einig darüber sind, dass man eine Wasserschüssel benötigt, so wissen sie doch nicht genau, wie sie vorgehen sollen.
Die Kinder dieser Altersgruppe denken meistens, dass die Luft, die aus der kaputten Tüte strömt, direkt in die Wasserschüssel fließt, wie in dem Versuchsprotokoll in Abb. 4 ersichtlich.

Protokoll zu einem Versuch, mit dem Luft nachgewiesen werden sollte

Abb. 4: Ein Protokoll, das nach einer Diskussion mit der gesamten Klasse überarbeitet wird.

Phase 3

Nachdem die gefundene Lösung nicht zum erhofften Ergebnis geführt hat, können die Kinder nun auf die Idee kommen, die Tüte ins Wasser zu tauchen, sie dort zu zerstechen und zu beobachten, ob sich Blasen bilden.
Bei der Umsetzung dieses "funktionierenden"[20] Experiments durch alle Gruppen sind die Schüler/inne/n regelrecht begeistert[21] . Nach all den Misserfolgen und Enttäuschungen wird nun endlich, durch das Entweichen der Blasen aus der Tüte, die Stofflichkeit von Luft nachgewiesen.

Unterrichtsstunde 4: Wie lässt sich die Luft aus der Tüte wieder auffangen?

Die Luft, die nun als ein Stoff betrachtet wird, ist in der folgenden Unterrichtsstunde Gegenstand zahlreicher Versuche.

Zusammenfassung eines missglückten Versuchs

Abb. 5: Ein erster missglückter Versuch

Phase 1

Die von der/dem Lehrenden[22] vorgeschlagene Ausgangssituation besteht darin, die Schüler/innen zu bitten, die Luftblasen in einer Plastikflasche oder einem anderen Behälter aufzufangen. Bevor die in kleine Gruppen aufgeteilten Schüler/innen mit ihren Experimenten beginnen, befragt sie der/die Lehrer/in noch einmal nach den wichtigsten Etappen bei der Ausarbeitung eines Versuchsprotokolls (genaue Formulierung der zu beantwortenden Frage, in Betracht gezogene Hypothesen, notwendiges Gerät, das eigentliche Versuchsprotokoll). Diese methodische Ausarbeitung wird im Laufe dieses Versuchs mehrmals wiederholt (neun Unterrichtsstunden insgesamt für das ganze Projekt), da Systematik und Genauigkeit beim Erkunden nur schrittweise erlernt werden können. Damit jede/r Schüler/in sich die Methode seinem/ihrem eigenen Rhythmus entsprechend aneignen kann[23], sind solche Erklärungsphasen unbedingt notwendig.
Die/der Lehrende fordert jede Gruppe auf, ein Protokoll auszuarbeiten und zu besprechen[24] und es dann schriftlich auf einem Plakat festzuhalten[25]. Diese Redaktionsarbeit, die systematisch durchgeführt wird, hat eine doppelte Funktion: Erstens, innerhalb der Gruppe ein Nachdenken über die zur Debatte stehenden Phänomene und über die Art und Weise ihrer experimentellen Untersuchung[26] zu fördern; und zweitens, der Gruppe die Möglichkeit zu geben, ihr Protokoll der gesamten Klasse zu präsentieren[27]. In dieser Phase arbeitet jede Gruppe für sich selbst.
Natürlich werden die Schüler/innen Rechtschreibfehler machen. Die/der Lehrende sollte in dieser Phase jedoch nicht eingreifen, außer wenn es von dem/der Schüler/in ausdrücklich gewünscht wird. In dieser Phase wird den Schüler/inne/n alle Freiheit gelassen, um ihnen so genug Spielraum für Vorstellungskraft und Kreativität beim Verfassen des Protokolls zu geben. Die Fehler werden beim Verfassen des gemeinsamen Versuchsprotokolls, das ebenfalls in das Versuchsheft Eingang findet, korrigiert. Dort werden die Protokolle gekennzeichnet (z. B. mit einem grünen Punkt), um zu unterscheiden zwischen den von der/dem Lehrenden bewerteten Protokollen (korrekt hinsichtlich Inhalt und Orthographie) und den von den einzelnen Schülergruppen verfassten Protokollen (siehe Beispiele und die Versuchshefte der Schüler/innen). Zum Umgang mit den von den Schüler/inne/n verfassten Protokollen siehe den Abschnitt "Naturwissenschaft und Sprache in der Klasse" der Einleitung.
Hierbei ist vor allem die Erfahrung hervorzuheben, die die Schüler/innen bei dieser Aufgabe erlangen werden, wenn die Aufgabe von Anfang an klar formuliert wurde. Die Schüler/innen wissen, dass sie in dieser Phase der Arbeit hinsichtlich der Orthographie eine gewisse Freiheit genießen, sie jedoch nicht vollständig außer Acht lassen dürfen[28]. Sie werden sich Fragen stellen (wie schreibt man dieses Wort?), denn sie wissen, dass es Regeln gibt. Sie sind jedoch bereit, ohne sich "zu verkrampfen" ein Schriftstück zu verfassen, das anschließend der gesamten Klasse vorgestellt wird, denn sie wissen, dass der/die Lehrer/in ihnen die Fehler nachsieht.
Dieser pädagogische Kompromiss wurde vorher detailliert mit den Schüler/inne/n und ihren Eltern (z. B. in Form eines an die Eltern gerichteten Schreibens) diskutiert.

Phase 2

Die/der Lehrende bittet jede einzelne Gruppe, ihr Protokoll der Klasse vorzustellen und anschließend das Experiment vorzuführen (nachdem sie/er eventuell die verwendeten Materialien überprüft hat). Sollte der Versuch misslingen, wird er anschließend von der gesamten Klasse diskutiert, um herauszufinden, woran es gelegen haben könnte[29]. Danach wird ein weiterer Versuch unternommen, der alle vorangegangenen Überlegungen berücksichtigt.
Einige Beispiele für Vorschläge seitens der Schüler/innen:
- Unter den exotischsten und am wenigsten zu erwartenden Vorschlägen, schlug eine Gruppe der Klasse vor, die sich bildenden Blasen mit einem Löffel aufzufangen und sie dann "ganz vorsichtig" in eine Flasche umzufüllen[30].
Dieser Versuch scheitert natürlich. Die Schüler/innen behaupten jedoch steif und fest, dass das Platzen der Luftblasen darin begründet ist, dass der/die agierende Schüler/in beim Herausholen des Löffels aus dem Wasser nicht vorsichtig genug war. Da dieser Versuch jedoch auch bei "vorsichtigeren" Schüler/inne/n misslingt, werden sich die Schüler/innen der Tatsache nicht verschließen können, dass der Fehler woanders liegt. Die anschließende Diskussion endet damit, dass ein/e Schüler/in sagt: "Man kann die Luftblasen in der Luft nicht sehen".
- Eine andere Gruppe schlägt vor, die mit Luft gefüllte Tüte mit einer anderen, leeren, also platten Tüte durch einen Schlauch zu verbinden und dann auf die mit Luft gefüllte Tüte zu drücken. Der Erfolg stellt sich sofort ein: Die platte Tüte bläst sich proportional zur sich leerenden Tüte auf. Im Gegensatz dazu bleiben diejenigen, die die Tüten direkt miteinander verbinden, erfolglos: Werden die Tüten an ihrer "Verbindungsstelle" nicht zugebunden, entstehen Lecks; wird die Verbindungsstelle dagegen zugebunden, kann die Luft nicht mehr von einer Tüte in die andere gelangen.
- Die meisten Gruppen schlagen vor, die Tüte direkt mit einer Flasche zu verbinden..., aber auch in diesem Fall können die Luftblasen nicht in die Flasche gelangen.
Es bedarf mehrerer erfolgloser Versuche, bevor die Schüler/innen begreifen, dass:

Text: Eine Flasche, in der bereits Luft ist, kann man nicht füllen Protokoll eines geglückten Versuchs

Abb. 6: Ein geglückter Versuch, der aus den Erfahrungen der vorangegangenen Misserfolge resultiert.

Phase 3

Selbst wenn die Flasche mit Wasser gefüllt ist, sind die Schüler/innen nicht unbedingt erfolgreich. Tatsächlich kann die Idee, dass man "Luft" in eine Flasche "gießen" könnte, indem man die Tüte über die Flasche stülpt, noch mal auftauchen. In der Diskussion geht es nun darum, ob die Flasche bis zum Rand mit Wasser gefüllt sein muss oder nicht. Ein Argument dabei ist, dass wenn die Flasche nicht bis oben hin gefüllt ist, "auch keine Blasen entstehen können"[31].
Mehrere Versuche sind notwendig, bis die Schüler/innen, die sehen, dass "das nicht funktioniert", auf die Idee kommen, die gesamte Vorrichtung umzudrehen. Dies ist der Moment großer Zufriedenheit für die Schüler/innen, die nun beobachten, wie die ersten Luftblasen langsam in der Wasserflasche aufsteigen, die sich nun umgedreht über der Tüte befindet.
Die Rolle der/des Lehrenden besteht nun darin, den Übergang der Luft in die Flasche und des Wassers in die Tüte (und umgekehrt) genau zu erklären.
Jede Gruppe führt diesen Versuch nun richtig durch[32]. Anschließend wird gemeinsam ein Protokoll ausgearbeitet, das in das Versuchsheft eingetragen wird (der runde Punkt bedeutet, dass es sich hierbei um eine gemeinsame Arbeit handelt, die unter der wissenschaftlichen Anleitung der/des Lehrenden durchgeführt wurde).

Versuchsprotokoll unter Anleitung der/des Lehrenden

Abb. 7: Das von der Klasse gemeinsam erstellte Versuchsprotokoll unter Anleitung der/des Lehrenden

Phase 4

Im Anschluss an diese vier Unterrichtsstunden kann nun eine erste Bilanz zu den neu erworbenen Erkenntnissen zum Thema Luft gezogen werden: Man kann sie einfangen, man kann mit ihr einen Behälter füllen, man kann sie umfüllen (von einem Behälter in einen anderen). Dies ist ein erster Schritt in Richtung Charakterisierung eines dritten Aggregatzustandes, dem Gas, zu dem auch die Luft gehört.

Voraussetzungen für die praktische Umsetzung der Unterrichtseinheit

Voraussichtliche Dauer

Diese Art von Arbeit kann nicht zeitlich eingegrenzt werden. Sie ist nur dann sinnvoll, wenn sie über einen langen Zeitraum durchgeführt wird. Die vier hier beschriebenen Unterrichtsstunden sind Teil eines Versuchs, der in verschiedenen Klassen, die an diesem Projekt teilgenommen haben, durchgeführt wurde. Die gesamte Arbeit wird auf der französischen CD-ROM "La materialité de l'air" ("Die Stofflichkeit von Luft"), die im Literaturverzeichnis am Ende dieses Kapitels aufgeführt ist, präsentiert.

Materialien

Die für diese vier Unterrichtsstunden benötigten Materialien sind einfach zu besorgen: Plastiktüten, Wasserschüssel, Plastikflaschen...

Empfohlenes Arbeitsblatt

Arbeitsblatt 3: "Luft"

Schluss

Diese Unterrichtseinheit hat zwei Hauptziele: Erstens, sich gemäß den [französischen] Lehrplänen für die Lernstufe 2 Wissen anzueignen und zweitens, eine experimentelle Vorgehensweise sowie Selbständigkeit zu erlernen. Die Existenz von Luft in einer Tüte experimentell nachzuweisen, war für die Schüler/innen nicht so leicht, wie sie es sich am Anfang vorgestellt hatten: Sie waren von Folgendem ausgegangen: Um zu zeigen, dass die Tüte etwas enthält, genügt es, sie zu zerstechen, damit sie sich leert.
Vielen von ihnen wird diese Schwierigkeit (dass die Luft nicht ins Wasser fällt, wenn man die Tüte über der Wasserschüssel öffnet) erst bewusst, nachdem sie die experimentelle Erfahrung gemacht haben. In diesem Fall lernt der/die Schüler/in durch ein Experiment, das "nicht funktioniert" (unter der Voraussetzung, dass die Gründe für das Misslingen gemeinsam erörtert werden). Wenn es darum geht, Luft in einer Flasche aufzufangen, kommen die Schüler/innen ganz schnell auf die Idee, die Flasche mit Wasser zu füllen, um die Luftblasen zu sehen. Die Schüler/innen stülpen die Tüte einfach über die Flasche und verstehen nicht, dass die Blasen nicht in die Flasche sinken. Erst während des Herumhantierens mit Flasche und Tüte, also während sie "mit den Händen denken", kommen sie auf die Idee, die ganze Versuchsanordnung umzudrehen (die mit Luft gefüllte Plastiktüte unter die Wasserflasche). Sie kommen nicht gleich auf die Idee, die Flasche über der Tüte anzubringen, da sie glauben, dass dadurch das Wasser herausläuft und somit das Experiment misslingt.
Interessant ist, dass dieses Experiment im Unterricht nur selten durchgeführt wird. Der Versuch, der den Schüler/inne/n in den meisten Schulbüchern vorgeschlagen wird, besteht darin, direkt die mit Wasser gefüllte Flasche über die darunter befindliche (mit Luft gefüllte) Tüte zu positionieren (und das Ganze im Wasser), als ob klar wäre, dass dies die einzige Möglichkeit sei.
Im Laufe dieser Unterrichtseinheit haben die Schüler/innen verschiedene Tätigkeiten mit Luft ausgeführt, die sie mit anderen Stoffen ganz selbstverständlich durchführen (einfangen, transportieren, aufbewahren, umfüllen). Die Materialität von Luft ist noch nicht von allen Schüler/innen verinnerlicht. Dafür sind weitere Unterrichtsstunden notwendig, in denen die Luft dazu verwendet wird, Luftballons oder Flaschen zu füllen und bei denen diese gefangene Luft nach der "Befreiung" Gegenstände in Bewegung versetzt. Dieser Begriff von der Materialität der Luft kann nur im Laufe ähnlicher Experimente verstanden werden. Es müssen weitere Situationen folgen, in denen die Schüler/innen die Möglichkeit haben, die Luft zu spüren[33], sich über die "gewichtige" Eigenschaft von Luft zu unterhalten (Lernstufe 3) und sich der Notwendigkeit ihrer Präsenz für alle Lebewesen bewusst zu werden (wird auch für andere Lernstufen empfohlen und für den Bereich Biologie).

Mögliche Erweiterungen

Das Thema Luft ist hier längst nicht erschöpfend behandelt worden. Weitere Aktivitäten zu diesem Thema müssen folgen und sich dabei auch auf andere Bereiche der Lehrpläne der Lernstufen 2 und  3 beziehen. Im Verlauf der Diskussion zum Thema Luft (Unterrichtsstunde 2) haben die Schüler/innen dennoch gezeigt, dass dieses Thema sie beschäftigt[34].

Bibliographie

Bücher:


Fußnoten

1: Die Herstellung einer Wetterfahne ist Bestandteil des Versuchsablaufes "Woher weht der Wind?", der für die Lernstufe 3 vorgesehen ist.

2: Video 1, Unterrichtsstunde 1

3: Video 1, Unterrichtsstunde 1

4: Formulierung von Überlegungen, die durch die/den Lehrenden angeleitet werden. Siehe "Grundzüge einer Unterrichtseinheit", Abschnitt "Anhaltspunkte für den praktischen Umgang mit einer Unterrichtseinheit" aus der Einleitung.

5: Video 2 und 3, Unterrichtsstunde 1

6: Ausarbeitung von Hypothesen und Planung der zu realisierenden Untersuchung zum Nachweis der vorhanden oder nicht vorhandenen Materie, mündliche Formulierung der Hypothesen innerhalb der Gruppen, mündliche und/oder schriftliche Formulierung der Erwartungen durch die Schüler/innen.

7: Video 4, Unterrichtsstunde 1

8: Erwerb und Strukturierung der Kenntnisse, Vergleich der in den verschiedenen Gruppen erzielten Ergebnisse, Gegenüberstellung zum bereits erworbenen Wissen.

9: Video 5, Unterrichtsstunde 1

10: Erwerb und Strukturierung der Kenntnisse

11: Wahl einer Ausgangssituation, "sinnvolle" Fragen, die sich aus dieser Situation entwickeln.

12: Formulierung der Fragestellungen unter Anleitung der/des Lehrenden.

13: Video 1,2 und 3, Unterrichtsstunde 2

14: Video 5, Unterrichtsstunde 2

15: Wahl einer Ausgangssituation, "sinnvolle" Fragen, die sich aus dieser Situation entwickeln.

16: Video 1, Unterrichtsstunde 3

17: Ausarbeitung von Hypothesen und Planung von Experimenten, mit denen diese Hypothesen bestätigt oder widerlegt werden können.

18: Von den Schüler/inne/n durchgeführte Untersuchung

19: Von den Schüler/inne/n durchgeführte Untersuchung

20: Von den Schüler/inne/n durchgeführte Untersuchung, Reproduzierbarkeit des Versuchs (schriftliches Festhalten der Versuchsbedingungen durch die Schüler/innen).

21: Video 3, Unterrichtsstunde 3

22: Wahl einer Ausgangssituation, "sinnvolle" Fragen, die sich aus dieser Situation entwickeln.

23: Von den Schüler/inne/n durchgeführte Untersuchung, kleinere Diskussionen innerhalb der einzelnen Schülergruppen: die Modalitäten der Versuchsrealisierung, Kontrolle der sich verändernden Parameter.

24: Video 2, Unterrichtsstunde 4

25: Video 3, Unterrichtsstunde 4

26: Von den Schüler/inne/n durchgeführte Untersuchung, Reproduzierbarkeit des Versuchs (schriftliches Festhalten der Versuchsbedingungen durch die Schüler/innen).

27: Erwerb und Strukturierung der Kenntnisse, Vergleich der in den verschiedenen Gruppen erzielten Ergebnisse.

28: Video 3, Unterrichtsstunde 4; Video 1, Unterrichtsstunde 3

29: Video 4, Unterrichtsstunde 4

30: Video 5, Unterrichtsstunde 4

31: Video 6, Unterrichtsstunde 4

32: Video 8 und 9, Unterrichtsstunde 4

33: Siehe Unterrichtseinheit "Woher weht der Wind?"

34: Video 1, 2 und 3, Unterrichtsstunde 2

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